{"id":16,"date":"2023-03-10T13:58:13","date_gmt":"2023-03-10T13:58:13","guid":{"rendered":"https:\/\/frankpergande.de\/?page_id=16"},"modified":"2026-03-31T13:36:15","modified_gmt":"2026-03-31T13:36:15","slug":"lesen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/frankpergande.de\/index.php\/lesen\/","title":{"rendered":"Lesen"},"content":{"rendered":"<h2>In meiner Bibliothek gest\u00f6bert<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier stelle ich jeden Monat B\u00fccher aus meiner Bibliothek vor, die mir aus diesem oder jenem Grund wichtig sind. F\u00fcr den April 2026 habe ich mein gegenw\u00e4rtiges Lieblingsbuch ausgesucht, Robert Musils Roman \u201eDer Mann ohne Eigenschaften\u201c:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/frankpergande.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Musil.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-638 alignright\" src=\"https:\/\/frankpergande.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Musil-184x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/frankpergande.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Musil-184x300.jpeg 184w, https:\/\/frankpergande.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Musil.jpeg 392w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a>\u201eEx libris\u201c hie\u00df eine Buchreihe im DDR-Verlag Volk und Welt. Die Reihe zeichnete sich einerseits durch ein anspruchsvolles Programm aus, andererseits durch eine bessere Ausstattung der B\u00fccher als gew\u00f6hnlich (also mit dem in der DDR gewohnten schlechten Papier und der oftmals schlechten Druckqualit\u00e4t).<\/p>\n<p>Bei \u201eEx libris\u201c erschien auch Robert Musils \u201eDer Mann ohne Eigenschaften\u201c, f\u00fcr DDR-Verh\u00e4ltnisse ein Ereignis. Ich war zu der Zeit Student, und irgendwie hatte ich Gl\u00fcck, eine Ausgabe zu ergattern. Am Ende besa\u00df ich sogar zwei, weil eine Freundin ebenfalls Gl\u00fcck hatte und mir ihren ergatterten Musil schenkte. Bestimmt habe ich damals auch in dem Roman gelesen, Spuren hat das nicht hinterlassen. Vielmehr meinte ich, \u201eDer Mann ohne Eigenschaften\u201c geh\u00f6re zu den wenigen unlesbaren B\u00fcchern \u2013 so wie vor allem Herman Brochs \u201eTod des Vergil\u201c, ebenfalls bei \u201eEx libris\u201c erschienen und heute das schlechte Gewissen in meinem B\u00fccherregal.<\/p>\n<p>Jetzt nahm ich mir den Musil-Roman nach vielen Jahrzehnten endlich richtig vor. Und es erging mir wie jenem Lehrling, von dem ich irgendwo gelesen hatte, der eine Woche lang nicht zur Arbeit kam, weil er Musil \u201elesen musste\u201c. Auch wenn ich \u00fcberzeugt davon bin, dass das mit dem Lehrling nur gut erfunden sein kann, denn es braucht eine gewisse Lebenserfahrung f\u00fcr dieses Romanwerk, vielleicht sogar die Erkenntnis, selbst so etwas wie ein Mann ohne Eigenschaften zu sein.<\/p>\n<p>Der Roman ist eine Satire. Vordergr\u00fcndig geht es um \u00d6sterreich-Ungarn kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges und also vier Jahre vor dem Untergang der k.u.k.-Monarchie, f\u00fcr die Musil sogar ein besonderes Wort erfunden hat: Kakanien.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich wichtiger war aber etwas anderes. Der Roman ist auch eine sehr lange Beschw\u00f6rung dessen, was wir etwas oberfl\u00e4chlich Seele nennen. Es geht, um es hier etwas schlicht zu sagen, um das Seelenleben im wirklichen Leben. Beides f\u00e4llt oft weit auseinander \u2013 ein von mir tief empfundener Umstand. Ich f\u00fchlte mich beim Lesen deshalb nicht nur angesprochen, sondern geradezu aufgehoben und sogar getr\u00f6stet. Denn hier fand jemand sch\u00f6ne, verst\u00e4ndnisvolle Worte und S\u00e4tze f\u00fcr das, was auch mich betrifft.<\/p>\n<p>Musil hat seinen riesigen Roman \u2013 in meiner Ausgabe vier dicke B\u00e4nde \u2013 nicht vollenden k\u00f6nnen. Ein Leben reicht nicht f\u00fcr so ein Vorhaben, zumal Musil mit dem Schreiben nicht aufh\u00f6ren konnte, so wie ich nicht aufh\u00f6ren konnte mit dem Lesen. Dass sich Autor und Leser derart verstehen, ist begl\u00fcckend. \u00dcberhaupt ist es das Begl\u00fcckende an dicken B\u00fcchern, dass die Gemeinschaft zwischen Autor und Leser so lange w\u00e4hren darf \u2013 vorausgesetzt nat\u00fcrlich, es sind gute B\u00fccher.<\/p>\n<p>Mein Lieblingssatz: \u201eIch bin f\u00fcr nichts unbegabter wie f\u00fcr mich selbst.\u201c Sch\u00f6n auch: \u201eEine vern\u00fcnftige Askese besteht in der Abneigung gegen das Essen bei st\u00e4ndig gut unterhaltener Ern\u00e4hrung!\u201c Oder: \u201eSogar die Philosophie hatte nicht immer saubere Fingern\u00e4gel, und am wenigsten dann,wenn sie glaubte, sich die unabh\u00e4ngige Wahrheit aus den Fingern saugen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner Bibliothek gest\u00f6bert &nbsp; Hier stelle ich jeden Monat B\u00fccher aus meiner Bibliothek vor, die mir aus diesem oder jenem Grund wichtig sind. 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