In meiner Bibliothek gestöbert

 

Hier stelle ich jeden Monat ein Buch aus meiner Bibliothek vor, das mir aus diesem oder jenem Grund wichtig ist, für Juli 2026  meinen Duden:

 

Im Regalfach für die Nachschlagewerke steht bei mir natürlich ein Duden. Es ist eine Ausgabe von 1977 aus dem VEB Bibliographisches Institut, also eine DDR-Ausgabe, also kein richtiger Duden. Es ist nicht einmal ein schönes Buch, aber seit Jahrzehnten begleitet es mich und vielgenutzt sieht es inzwischen auch aus. Sogar einen Tintenfleck gibt es, wer verwendet heute noch Tinte (nun, ich).

Heutzutage habe ich nur selten etwas nachzuschlagen, wozu gibt es das Internet. Aber neulich geriet ich ins Blättern und war überrascht, dass DDR-typische Begriffe keineswegs das Buch überlagern, wie ich es erwartet hatte. Auch wenn sich natürlich schöne Beispiele finden, etwa „verelenden“ mit der Erklärung: „gesetzmäßiger Prozess der Verschlechterung der Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse im Kapitalismus“. Da lachen die Hühner.

Auch „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ steht natürlich drin, wobei ich mich in meiner journalistischen Laufbahn oft über Westdeutsche geärgert habe, die mit dem Begriff „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ sich über die DDR äußern, ihn aber nicht einmal richtig schreiben können, nämlich per Bindestrich durchgekoppelt. Selbstkritisch muss ich freilich anmerken: Kein schöner Zug von mir, so wird man ein alternder und schlechtgelaunter Korinthenkacker. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat war natürlich ohnehin ein sinnfreier Euphemismus, ob durchgekoppelt oder nicht.

Heute wird viel darüber diskutiert, welche Wörter in den Duden gehören und welche nicht. Das hat einerseits eine politische Komponente. Man sieht es etwa am Gendern – eine rein politische Forderung, die mit dem Sprachgebrauch an sich nichts zu tun hat. Umgekehrt geht es in der Duden-Redaktion um Gewohnheiten des Sprachgebrauchs. Es ist also reine Bequemlichkeit, wenn heute in den Duden kommt, was sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, etwa die willkürliche Verwendung des Hochkommas, besser bekannt als Apostroph.

Wenn ich mich darüber aufrege und mir dann noch sage: Früher spielte für den Duden Sprachpflege eine größere Rolle, dann muss ich mir allerdings selbst ins Wort fallen. In der DDR-Zeit wurde überhaupt nicht öffentlich diskutiert, schon gar nicht über den Duden. Jeder wusste, dass die offizielle Sprache keineswegs der öffentlichen Meinung entsprach, sondern so ziemlich das Gegenteil davon war. Sprachpflege spielte also auch schon damals beim Duden keine oder bestenfalls eine geringe Rolle.

Mein alter Duden wird jedenfalls seinen Regalplatz behalten, auch wenn der inzwischen ziemlich staubig aussieht.