In meiner Bibliothek gestöbert

 

Hier stelle ich jeden Monat Bücher aus meiner Bibliothek vor, die mir aus diesem oder jenem Grund wichtig sind. Für den April 2026 habe ich mein gegenwärtiges Lieblingsbuch ausgesucht, Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“:

 

„Ex libris“ hieß eine Buchreihe im DDR-Verlag Volk und Welt. Die Reihe zeichnete sich einerseits durch ein anspruchsvolles Programm aus, andererseits durch eine bessere Ausstattung der Bücher als gewöhnlich (also mit dem in der DDR gewohnten schlechten Papier und der oftmals schlechten Druckqualität).

Bei „Ex libris“ erschien auch Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, für DDR-Verhältnisse ein Ereignis. Ich war zu der Zeit Student, und irgendwie hatte ich Glück, eine Ausgabe zu ergattern. Am Ende besaß ich sogar zwei, weil eine Freundin ebenfalls Glück hatte und mir ihren ergatterten Musil schenkte. Bestimmt habe ich damals auch in dem Roman gelesen, Spuren hat das nicht hinterlassen. Vielmehr meinte ich, „Der Mann ohne Eigenschaften“ gehöre zu den wenigen unlesbaren Büchern – so wie vor allem Herman Brochs „Tod des Vergil“, ebenfalls bei „Ex libris“ erschienen und heute das schlechte Gewissen in meinem Bücherregal.

Jetzt nahm ich mir den Musil-Roman nach vielen Jahrzehnten endlich richtig vor. Und es erging mir wie jenem Lehrling, von dem ich irgendwo gelesen hatte, der eine Woche lang nicht zur Arbeit kam, weil er Musil „lesen musste“. Auch wenn ich überzeugt davon bin, dass das mit dem Lehrling nur gut erfunden sein kann, denn es braucht eine gewisse Lebenserfahrung für dieses Romanwerk, vielleicht sogar die Erkenntnis, selbst so etwas wie ein Mann ohne Eigenschaften zu sein.

Der Roman ist eine Satire. Vordergründig geht es um Österreich-Ungarn kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges und also vier Jahre vor dem Untergang der k.u.k.-Monarchie, für die Musil sogar ein besonderes Wort erfunden hat: Kakanien.

Für mich wichtiger war aber etwas anderes. Der Roman ist auch eine sehr lange Beschwörung dessen, was wir etwas oberflächlich Seele nennen. Es geht, um es hier etwas schlicht zu sagen, um das Seelenleben im wirklichen Leben. Beides fällt oft weit auseinander – ein von mir tief empfundener Umstand. Ich fühlte mich beim Lesen deshalb nicht nur angesprochen, sondern geradezu aufgehoben und sogar getröstet. Denn hier fand jemand schöne, verständnisvolle Worte und Sätze für das, was auch mich betrifft.

Musil hat seinen riesigen Roman – in meiner Ausgabe vier dicke Bände – nicht vollenden können. Ein Leben reicht nicht für so ein Vorhaben, zumal Musil mit dem Schreiben nicht aufhören konnte, so wie ich nicht aufhören konnte mit dem Lesen. Dass sich Autor und Leser derart verstehen, ist beglückend. Überhaupt ist es das Beglückende an dicken Büchern, dass die Gemeinschaft zwischen Autor und Leser so lange währen darf – vorausgesetzt natürlich, es sind gute Bücher.

Mein Lieblingssatz: „Ich bin für nichts unbegabter wie für mich selbst.“ Schön auch: „Eine vernünftige Askese besteht in der Abneigung gegen das Essen bei ständig gut unterhaltener Ernährung!“ Oder: „Sogar die Philosophie hatte nicht immer saubere Fingernägel, und am wenigsten dann,wenn sie glaubte, sich die unabhängige Wahrheit aus den Fingern saugen zu können.“