In meiner Bibliothek gestöbert
Hier stelle ich jeden Monat Bücher aus meiner Bibliothek vor, die mir aus diesem oder jenem Grund wichtig sind. Für den Juni 2026 „Ästhetik des Hässlichen“ von Karl Rosenkranz:
Die DDR-Ausgabe von Karl Rosenkranz‘ „Ästhetik des Hässlichen“ wurde 1989 vorbereitet und erschien in der Reclam-Taschenbuchreihe 1990, also mitten im Umbruch. Wie ich zu dem Buch gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass es in einem Zeitungskiosk auslag, den ich auf meinem Weg zum Mittagtisch berührte und wo ich immer wieder mal bei Reclam-Büchern fündig wurde. In der DDR nahm man mit, was man bekommen konnte.
Ich fand den Titel originell, wusste aber weder etwas über den Autor noch darüber, was mich bei der Lektüre erwarten würde. Es hat dann auch noch viele Jahre gedauert und die DDR war längst Geschichte, bis ich mir das Buch vornahm – und reich beschenkt wurde.
Rosenkranz war ein Schüler Hegels und wurde vor allem in seinen Jahren in Königsberg von 1833 an zu einem der bedeutenden preußischen Gelehrten, von denen das 19. Jahrhundert so reich gesegnet war. Als Philosoph gehörte er zur „Gesellschaft vom ungelegten Ei“ – was immer dort diskutiert wurde, allein der Name reißt alles raus.
Was Ästhetik ist, weiß man im Allgemeinen (ohne es eigentlich wirklich zu wissen). Es ist die Lehre vom Schönen. Sie wurzelt in der Antike, aber erst im 19. Jahrhundert kam jemand darauf, die Sache umzudrehen und über die Ästhetik des Hässlichen nachzudenken. Eben unser Rosenkranz.
Daraus wurde ein dickes und überaus gelehrtes Buch. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass es auch ein witziges Buch ist mit oft herrlich vernichtenden Urteilen über die Kunst und den Geschmack seiner Zeit: „Welcher Überfluss an poetischer Leerheit.“ Als ich diesen Zugang gefunden hatte, las ich Rosenkranz in einem Ruck durch und blättere auch heute immer wieder darin, also eher literarisch vergnügt als wissenschaftlich. Es wäre eines der Bücher, die ich mitnehmen würde, wenn ich nur eine Handvoll aus meiner Bibliothek behalten dürfte.
Und was ist nun das Hässliche? Unter anderem das Nachgemachte. „Was bei dem Original ein Spiel des frischen Lebens ist, wird in der Kopie des Nachahmers zu einer toten Machwerkerei, zum öden Aggregat eines sterilen Eklektizismus. Die lebendige Erfindung entspringt aus geheimnisvollen Quellen und stürzt wie ein Bergstrom mit Jubelgetön hervor; die Nachahmung schleicht als ein abgeleitetes Gewässer in abgezirkelten Kanälen lautlos dahin.“ Rosenkranz selbst ist so ein Bergstrom. Ich jedoch befürchte, mit meinem Schreiben zu Letzterem zu gehören. Aber Rosenkranz sagt es zu schön, um deswegen trübsinnig zu werden.

