In meiner Bibliothek gestöbert

 

Hier stelle ich jeden Monat ein Buch aus meiner Bibliothek vor, das mir aus diesem oder jenem Grund wichtig ist, für Oktober 2026  geht es um einen DDR-Abenteuerroman, Jochaim Spechts „Der Steinbock ist ein Talisman“. Taugt er noch heute?

 

Was weiß man heute noch von der Unterhaltungsliteratur in der DDR, etwa den Abenteuerromanen und Krimis, auch den utopischen Romanen? Wer weiß noch, dass es Erich Loest war, der einen der bekanntesten DDR-Kriminalromane geschrieben hat: „Der Mörder saß im Wembley-Stadion“ (unter dem Pseudonym Hans Walldorf)? Oder dass ein umstrittener Vielschreiber wie Harry Thürk das Buch zum Film „For Eyes Only“ verfasste, einer Art Gegenstück zu „James Bond“ und in den DDR-Kinos ein Kassenschlager? War freilich schon Anfang der sechziger Jahre.

Joachim Spechts „Der Steinbock ist ein Talisman“, 1983 erschienen, ist auch so ein seltsamer Fall. Specht ging als junger Mann noch vor dem Mauerbau in den Westen, sah sich in der Welt um und landete schließlich in Australien. Er kehrte in seine sächsische Heimat zurück, war Mitglied in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“ und schaffte es über diesen sozialismustypischen Weg, von seinem Schreiben leben zu können. Von ihm wurden Dutzende Abenteuergeschichten veröffentlicht, auch für das Fernsehen schrieb er. Vor zehn Jahren ist er gestorben.

Die meisten seiner Geschichten spielten in Australien. Auch „Der Steinbock ist ein Talisman“, in dem alles vorkommt, was man in einem Abenteuerroman erwartet: fiese Schurken (natürlich vom CIA), schöne Frauen, Liebe und Leidenschaft, exotische Landschaften, ein spannender Showdown, Eingeborene mit Giftpfeilen im Köcher und einstige Kopfgeldjäger, die jetzt Blumen züchten, schnelle Autos und schnelle Waffen, Whisky, Schlangen und Unheimlichkeiten aller Art.

Selbst solche Schmonzetten waren in der DDR immer politisch und bewegten sich gleichsam auf doppelten Boden. Denn es musste einerseits gegen den bösen Kapitalismus gehen, andererseits erzählen sie farbenfroh von einer unerreichbaren Welt der Freiheit.

Ich fand das Buch in einem offenen Bücherschrank, las es in ein paar Tagen durch und bringe es in einen offenen Bücherschrank zurück. Freilich frage ich mich, ob der Roman dort überhaupt noch einmal irgendeinen Leser findet.